Bodenlos – warum ich mich im Schwebezustand nicht wirklich wohlfühle

Sonntagabend – ein gewaltiges Naturspektakel zeichnet sich in der kommenden Nacht ab – die Mondfinsternis. In der späten Nacht wird der Mond dunkelrot am Himmel zu sehen sein. Was für eine kraftvolle Nacht und bestimmt wird auch dieser Vollmond viele Menschen wachhalten, mit Emotionen kämpfen lassen und Gefühlschaos verursachen. Wir fahren nun dahin – seit Wochen sind die Tickets gekauft, die Vorfreude ist gross: erleben, was ein anderer Coach anbietet, live dabei zu sein und einfach eine neue Erfahrung zu machen. Unsere Beweggründe sind relativ simpel und die Erwartungen völlig neutral.

Der Raum war voll und irgendwie leer

Die Kerzen brennen, die Stühle sind im Kreis aufgestellt, die Technik (die mich brennend interessiert hat) steht. Alles ist bereit. Die Menschen hier? Eine alte Frau mit weissen Haaren, verschmitzt lächelnd, eine junge Frau im Yogasitz, bereit in Position und abwartend – Männer, die vielleicht nicht alle freiwillig da sitzen. Wie soll ich sagen – die Menschen hier – alle irgendwie speziell! Komischerweise war die Energie völlig anders, als sie sonst ist, wenn ein Raum mit so vielen Menschen gefüllt ist. Für mich war es seltsam. Es war ruhig und irgendwie leer. 

Ich bin offen, lasse mich ein auf eine Veranstaltung, bei der ich als oberstes Ziel hatte, Beobachter zu sein und mich nur für das zu öffnen, was ich auch wirklich gut finde. 

News aus den Sternen – ich wollte wissen, was da kommt – für einmal nicht nur lesen, sondern es aus dem Mund des Profis hören. Ich wollte klare Worte, wollte Infos und freute mich auf Erklärungen. 

Das yoga-geübte Publikum schmolz dahin

Schön verschleierte Worte, verpackt in charmante Sätze, sympathisch lächelnd und vor dem Publikum dahin schwebend – verzückt, verträumt, leicht rosa und fast schon schwebend, verkündete unser A-Promi seine Botschaft. Das yoga-geübte Publikum schmolz dahin, klebte an ihren Lippen, gehorchte wie eine Klasse in der Grundschule tat alles, was verlangt wurde und war in Kürze völlig eins mit der Mentorin, die davor warnte, sich nie auf einen Guru einzulassen. 

Ups, was geschieht hier? Wo bin ich? Der Mann links neben mir schwebte mit knurrendem Magen und leicht säuerlich nach Rosmarin-Öl riechend vor sich hin, machte, was immer gerade angeleitet wurde und schien seinen Frieden zu haben – wie auch (fast)alle andern im Raum. „Verbinde Dich mit der Gruppe“ – spüre die Energie – fliiiiiiiiiiieeeeeg! 

Mit Schmerzen im Rücken verlieh mir dieser Moment keine Flügel

Dass mir dieser Moment keine Flügel bescherte, merkte ich an meinem schmerzenden Rücken und der Tatsache, dass ich einen stark einsetzenden Fluchtinstinkt unterdrücken musste. Was ist nur falsch mit mir, warum zerfliesse ich bei solchen Veranstaltungen nicht und löse mich in ein schwebendes Nichts – besser gesagt– in ein schwebendes WIR auf? 


Warum falle ich auf diesen Guru-Trick-Verkaufstrick nicht rein und weshalb möchte ich mit aller Kraft die Bodenhaftung nicht verlieren? Warum werde ich nicht willenlos und lasse mich völlig gehen? Die 90 Minuten haben wir durchgestanden. Hauptsächlich habe ich die Zeit damit verbracht, mich mental in einen grossen, stabilen „Bubble“zu setzen. Ich wollte nichts von dieser Gruppenenergie abkriegen, nicht Teil davon sein. Zu stark sind meine alltäglichen Bestrebungen, mich selbst zu spüren, mich von äusseren Einflüssen abzugrenzen. Dieses „wir lieben uns alle und wir sind alle eins“ – war zu viel für mich. Ich will das nicht, nicht mit wildfremden Menschen. Ich gehöre nicht in diese Gruppe. Ich bin anders. Zum Glück! 

Spirituell wachsen und mit beiden Beinen auf dem Boden stehen. Das ist es, was mich inspiriert. Authentisch sein. Ich brauche keinen Guru, keine Flügel, ich will nicht mit knurrendem leeren Magen auf einer Wolke im Lotussitz über allem schweben und als einziger Kommentar „Namaste„ von mir geben. Gefühlslos, meinungslos und willenlos.

Darauf hoffend, dass irgendwann alles schon gut wird und vermeintlich wissend, dass mich das ja nicht mehr betrifft, weil ich bereits mit dem Guru im Boot sitze. So stelle ich mir das nicht vor.

 Ich will mich selbst sein, Mensch sein, mit allen Fehlern, Ecken und Kanten. Ich will echte Gefühle, will spüren, was in mir vorgeht. Ich will die ganze Bandbreite: von Wut, Trauer bis hin zu Freude, Ekstase, Glück. Alles was dazu gehört und alles, was mir hilft, mich immer besser zu spüren und mich selbst zu sein.

In meiner Arbeit als Coach ist mein Hauptziel immer, den Menschen zu sich selbst zu führen. Die Verantwortung für sich selbst zu übernehmen, aus der Opferhaltung zu kommen und immer mehr die Kraft zu haben, das Leben zu kreieren. Es gibt keinen schöneren Moment, als wenn sich jemand aufzurichten beginnt, wenn die eigene Stärke entdeckt wird. Ich bin mir durchaus bewusst, dass das viel Kraft und entsprechendes Bewusstsein der Kunden bedeutet.

Denn dieser Weg heisst vor allem Arbeit, richtig schwere Arbeit, denn leichter wird es am Anfang nie. Das Erstrebte will hart erarbeitet und die herrschenden Gesetzmässigkeiten müssen erst einmal verstanden und verinnerlicht werden.

Ähnlich wie beim Goldschürfen wird Schicht für Schicht abgetragen, bevor der Schatz frei liegt und im Sonnenlicht funkeln kann. Das braucht einen starken Willen, Hingabe und die Fähigkeit, immer wieder aufzustehen und weiter zu machen. Aus eigenem Antrieb. Das ist meine Welt, so wünsche ich es mir von meinen Kunden. 

Diese konsumierende Haltung der Menschen erschreckt mich – jeder will einen Teil des Glücks abhaben, will aufsaugen und im Glauben schweben, dass jetzt alles gut wird, weil er oder sie ja gerade hier dabei ist. Als wäre "Erleuchtung im Eintritt inbegriffen". 

Ich war da, weil ich lernen will, weil ich gerne schaue, was andere, erfolgreiche Menschen tun. Klar wurde mir heute, wie schnell wir als Coaches unsere Rolle missbrauchen können, uns selbst über die Menschen stellen und mit bezaubernden Worten jeden glauben lassen, dass wir es geschafft haben und nur wir wissen, wie es geht. Es gibt genügend Menschen, die genau das wollen, die Antworten auf Fragen suchen und sich dann berieseln lassen, statt selbst in die Gänge zu kommen. Das ist okay, vielleicht ist das ja ein Anfang und jeder soll für sich selbst entscheiden, wie sein persönlicher Weg aussieht. Dagegen ist nichts einzuwenden.

Wein predigen und Wasser trinken 

Unser Ausflug war lehrreich und mir ist einmal mehr klar geworden, dass das für mich nicht die Definition von „Erfolg“ und „erfolgreich-sein„ ist. Es ist ein möglicher Weg – es ist aber nicht mein Weg. „Wein predigen und Wasser trinken“. Lass das Ego los, sonst wirst Du die Erleuchtung nicht erreichen – sagt der Coach und lässt sich von der Menge feiern...

PS: Die wunderschöne, bestimmt 200 jährige Erle in dem Garten der Veranstaltung hat mein Abend gerettet. Hier steht sie, die Wurzeln ganz tief in die Erde verankert, die Baumkrone hoch in den Himmel ragend. Sie steht, lässt sich nicht beirren, egal was kommt und geht. Sie ist mein Guru, aber sie ist still- nur wenn ich ganz ruhig bin, höre ich das Rauschen ihrer Blätter und spüre gleichzeitig meinen Herzschlag. Mehr braucht es nicht und das ist gut so.