Du kamst, sahst und siegtest...

Fast schon mitten in der Nacht fährt der LKW auf den Hof.

Ich kann es kaum erwarten, Dich, meinen neuen Freund, Willkommen zu heissen. Die Fahrt war lang und anstrengend, das sehe ich Dir gleich an. Als die Rampe aufging, staunte ich nicht schlecht:  „Du meine Güte – bist Du gross“ – ich hab erwartet, dass Du zierlicher, kleiner und schmäler bist“. Aber Du bist ein Wahnsinns Kerl – strotzt vor Energie – Dein Blick trifft mich sofort! Du stehst vor mir, Paul, der Fahrer drückt mir deinen Strick in die Hand.

Im Dunkeln führ ich Dich in Dein neues zu Hause – Du folgst mir mit sicheren Schritten und ruhigem Atem. Irgendwie schon ganz vertraut – auch wenn ich spüren kann, wie nervös Du bist. Du vertraust mir, schliesst Dich mir in der ersten Minute an. Was für ein Typ Du bist, mein Herz rast.  Im Stall angekommen, jetzt im Licht, sehe ich Deine ganze Schönheit! Ein Siegertyp durch und durch – Du hast diese Ausstrahlung, diese Aura von Erfolg. 

So war unser Einstieg, vor ein paar Tagen, im Rahmen des Projektes, welches ich mit einem bekannten Schweizer Rennstall am Aufbauen bin. Ein Topstar, der den Ruhestand bekommt, obwohl manch anderer Stall ihn noch lange laufen lassen würde. Ein Siegerpferd, welches nach einer Verletzung zwar wieder vollständig auskuriert und einsatzbereit wäre, jedoch das Ticket für einen Zweiten Lebensteil ohne Sport gewonnen hat.

Sein vorerst erste Station ist hier bei mir.

Meinem Sportsfreund fällt es leicht, sich an den neuen Tagesablauf zu gewöhnen, die neugewonnene Freiheit macht ihm Freude, die Artgenossen findet er klasse. Ich staune, wie mental fit er ist – er scheint seine Karriere gut verkraftet zu haben, zeigt keinerlei Anzeichen von Störungen oder Stress. Darüber freue ich mich sehr und bin so dankbar, dass es immer mehr Sportpferdebesitzer gibt, die achtsam mit ihren Pferden umgehen und deren Wohl hinter die monetären Ziele stellen. 

Aber zurück zu Dir, mein edler Freund. Es ist Zeit, Dich in die Gruppe zu lassen!

„Wie wirst du Dich zurecht finden, kennst du die Regeln der Herde?“

Ich hab tausend solcher Fragen im Kopf. Ist es zu früh, kann ich es wagen?  

Du zeigst mir, dass Du bereit bist und ich will es versuchen. Langsam löse ich den Karabiner am Halfter und lass Dich los. 

Ich traue meinen Augen nicht, was ich gerade sehe, hab ich so noch nie erlebt: Du läufst geradeaus auf die Gruppe zu – die Jungs beobachten Dich schon lange, schauen Dich mit neugierigen Augen und gespitzten Ohren an. Du läufst einfach auf die Gruppe zu, stolz und ganz ruhig – Schritt für Schritt, ohne zu zögern. Es bildet sich eine Gasse, alle gehen zur Seite. Du schaust jeden einzeln kurz an, läufst weiter, (ich bilde mir ein, ich sehe ein kurzes Nicken;-)), stellst Dich in die grosse Gruppenbox, mitten rein, drehst Dich zu Deinen neuen Freunden, die wie angewurzelt dastehen und Dich anschauen. Ruhig stehst Du da, atmest gleichmässig, schaust in die Gruppe, dann senkst Du Deinen Kopf und beginnst am Stroh zu knabbern. Es herrscht totale Ruhe. Noch Stunden später stehst Du da, döst vor Dich hin. Die Jungs stehen um Dich herum, alle total friedlich, entspannt. 

Wie hast Du das bloss gemacht? In meinen Coachings erkläre ich, wie Pferde führen – was ein ranghohes Tier macht und dass der, der führt auch der ist, der sich weniger bewegen lässt. Das ist manchmal schwer zu verstehen, haben viele Führungskräfte doch den Drang, selbst hin und her zu rennen und überall gleichzeitig zu sein.

Gebündelte Power, souverän und sehr bewusst – so stell ich mir ein Chef vor, dem die Mitarbeiter vertrauen

Du zeigst es mir in Perfektion. Du brauchst nicht so zu tun als ob, machst keine Spiele um Deine Position. Du stehst einfach hin und nimmst den obersten Platz ein -  in stoischer Ruhe, liebevoll aber sowas von klar. Ich bin beeindruckt. Ich weiss, wer Du bist, was Du geleistet hast, davor habe ich grossen Respekt. Aber so  habe ich das nicht erwartet. Du hattest wenig Zeit in der Herde verbracht, ich wusste nicht, dass Du Regeln beherrschst. Mein Bild war ein anderes. Doch Du warst ein Pferd, dass wusste, was es will, hast das Leisten geliebt und immer bis zum Schluss gekämpft. Du warst ein ganz Grosser und bist es noch heute – für mich heute ein wahrer Sieger – und für die Jungs in der Gruppe ein weiser Anführer. Sie vertrauen Dir und hinterfragen keine Sekunde, ob sie Dich ernstnehmen wollen. Es ist einfach so, Du kamst, sahst und siegtest. Ein Naturtalent eben. Ich frage Dich: „ kannst Du das meinen Kunden lernen?“ Kann man anhand von Deinem Beispiel erleben, was gute Führung bedeutet? 


Mir auf jeden fall hast Du glasklar aufgezeigt, wie es geht, was es ausmacht, was Vertrauen schafft. Meine Jungsgruppe ist jetzt ruhig, strukturiert und total entspannt. Deine Anwesenheit macht Euch zu einer echten Herde – deren Führung Du mit einem Wimpernschlag übernommen hast. So hoffe ich, dass das Leben nach dem Sport für Dich all das bietet, was Du brauchst und so unendlich fest verdient hast.

Danke, dass Du mir das so gezeigt hast!