Nein sagen- eine Entscheidung für oder gegen sich selbst

Eigentlich wollte ich meinen Kaffee gemütlich trinken, die Hunde einpacken und raus in den Wald gehen, den Tag ausklingen lassen und ein paar Minuten entspannen.

Doch da lese ich eine neue Studie, die kürzlich in der Schweiz gemacht wurde und bin bestürzt: Über 53 % der jungen Frauen (im Alter von 24 bis 26 Jahren) trauten sich mehr als einmal nicht, "Nein" zu sagen, wenn es um Sex ging.

Ich bin entsetzt, denn gerade habe ich meinen neuen Post zu diesem Thema fertig bearbeitet. Dabei hab ich ehrlich gesagt nicht an dieses Thema gedacht. Ich persönlich finde die Zahl erschreckend hoch. Viel zu hoch, gerade bei einer Generation von Frauen, die damit eigentlich keine so grossen Probleme haben dürfte, sich nimmt was sie möchte und den Männern auf Augenhöhe begegnet. Den Grund, so lese ich weiter, geben die meisten wie folgt an: Den Partner nicht verärgern, verletzen, die Beziehung nicht gefährden wollen, Angst, verlassen zu werden.

Es stimmt mich nachdenklich. Es mag in dem Moment der einfachere Weg sein, nicht "Nein" zu sagen, still zu sein und heile Welt vorzutäuschen. Doch ist es nicht totaler Selbstbetrug? Kann das auf die Dauer glücklich machen und vor allem, wenn hier der Mut fehlt, "Nein" zu sagen, wo fehlt er denn dann noch überall? Wo sage ich “Ja” auch wenn ich “Nein" meine und lasse mit mir geschehen und über mich bestimmen?

Diese Strategie geht längerfristig nicht auf!

Für mich kann diese Strategie längerfristig nicht aufgehen. Nicht für mich einstehen befördert mich unfreiwillig in eine Rolle, die ich gar nicht haben will, in der es wenig Platz zur Entfaltung gibt. Hier wird es eng und einsam. Nicht immer ist das Umfeld so feinfühlig und merkt, dass mein “Ja” eigentlich ein “Nein” ist. 

Geliebt zu werden ist ein menschliches Grundbedürfnis.

Wo aber gerät es in Ungleichgewicht? Wenn “eine gute Falle machen”, “EverybodysDarling sein” und das Wort “Nein” die übergeordneten Kriterien sind und das tägliche Leben bestimmen, dann ist es höchste Zeit, etwas zu verändern.

Nicht immer gelingt es uns gerade heraus zu sagen, was wir wirklich denken. Oft ist es uns auch augenblicklich nicht bewusst, wie wir zu einer Situation stehen, und wir lassen uns überrumpeln.

Passiert das öfter, haben wir ein Problem und geraten in Bedrängnis. Die bekannte Profilerin Suzanne Grieger-Langer beschreibt es sehr passend: “Dummerweise ist eine Grenzverletzung immer auch eine Einschränkung Deines Aktionsradius. Du kannst es Dir tatsächlich räumlich vorstellen: Wenn Dir jemand zu nahe kommt, kannst Du kaum noch Schwung holen, um denjenigen wieder zurückzudrängen. Emotional verhält es sich ebenso – je übergriffiger jemand geworden ist, desto schwerer fällt es Dir, Deine Kraft zur Gegenwehr zu finden.”

Höchste Zeit - Dir Deiner Grenzen bewusst zu werden

in welchen Situationen lässt Du Dich überrumpeln? Gibt es Personen, bei denen das öfters geschieht? Wann wird es Dir zuviel? Wo übernimmst Du, obwohl es nicht Deine Aufgabe wäre? Springst Du wieder ein und hoffst vergebens auf Bestätigung und Dankbarkeit?

Designe Deine ganz private Wohlfühlblase, Dein “Bubble”, in der nur Du Dich aufhältst, niemand sonst. Hier bist Du in Deiner Kraft und tankst Energie. Wie gross ist diese Blase? 

Jetzt stell Dir vor, jeder läuft mit so einer Blase rum und damit das funktioniert, berühren sich diese Blasen nur so sanft, dass keine zerplatzt. Mit ausdrücklicher Genehmigung können zwei Blasen eine werden und sich wieder teilen, aber auch da gilt: Äusserste Behutsamkeit und Respekt. 

Werde Dir klar darüber, weshalb Du deinen eigenen Raum brauchst.

Mitgefühl und Empathie lässt uns sehr oft eigene Bedürfnisse vergessen. Oft ist dieses “nicht auf sich selbst schauen” das Eintritt-Ticket in totale Erschöpfung und schlussendlich ein Burn-out.

Wir haushalten mit unserer Energie, als hätten wir unbegrenzt davon zur Verfügung, setzen sie nicht bestmöglichst für uns ein und bleiben auf der Strecke. Um gesund und gestärkt zu bleiben, sind klare Grenzen, ein starkes “sich selbst bewusst sein” unumgänglich – Klartext: Ein “Nein” stärkt langfristig Deine Gesundheit!

Über manche Dinge kann man nicht verhandeln.

Da gilt ein Nein als Nein. “Ein Nein ohne Begründung” - geht das wirklich? Ja, allerdings nur, wenn Du voll und ganz hinter deiner Entscheidung, nämlich dem “Nein” stehen kannst. Das hat sehr viel damit zu tun, wie ernst Du Dich selbst nimmst und wie stark Du Dich wertschätzt. 

“C’est le ton qui fait la musique” und das finde ich persönlich das Entscheidende. Ein “Nein” kann in so vielen Nuancen ausgesprochen werden. Ein einfaches, klares und freundlich bestimmtes Nein wirkt Wunder. Es ist ein Zusammenspiel von Deiner Aussage, Deiner inneren Haltung und Deiner Körperhaltung. Je deutlicher Du signalisierst, was Du meinst, dass Du darüber nicht verhandelst, desto weniger Widerstand wirst Du von aussen bekommen. 

Es kann gut sein, dass Du bei Deinen ersten Versuchen argen Widerstand erfährst, so nach dem Motto: “ Was ist denn mit Dir los?” und “wo bist Du denn in “freundlich” geblieben?”.

Nimm` das nicht persönlich - klar, für Dein Gegenüber wird es jetzt etwas mühsamer, denn der Ball kann nicht abgegeben werden oder Bedürfnisse werden nicht durch Dich gestillt. Das stösst logisch nicht nur auf Zuspruch.

Je mehr Du Dir selbst zugestehst, von meinem Umfeld ernst genommen zu werden, desto weniger heftig musst Du sein. Kompromisse gehst Du nur nur bewusst ein und wenn es sein muss, lebst Du auch mit den Konsequenzen. Nämlich dann, wenn dein “Nein” nicht akzeptiert wird. 

Im Coaching kommt das Thema Abgrenzung sehr oft vor. Im direkten Umgang mit dem Pferd bekommen wir ein unmittelbares Feedback, wie ernst wir uns selbst nehmen und uns für uns einsetzen können. 

Das rückwärts laufende Pferd heilt alte Wunden

Eine einfache Übung macht das Verhalten schnell sichtbar: Das Pferd soll aufgefordert werden, rückwärts zu treten. Grosse Hemmungen sind da, nicht nicht etwa aus Respekt vor dem grossen Tier, nein, da ist die Angst, das Pferd reagiere “sauer” und “abweisend”. Nicht mehr gemocht zu werden ist der grösste Hemmschuh. “Ich kann doch nicht einfach…” höre ich hier immer und immer wieder.

Wird die Aufgabe dann umgesetzt, ist die Verblüffung ob der Reaktion des Pferdes gross. Vielleicht noch zögerlich, weil es das schlechte Gewissen und die Unsicherheit wahrnimmt, doch absolut neutral und emotionslos führt es die Übung aus und steht entspannt da.

Wir arbeiten an den Gefühlen, daran, wie es sich anfühlt, etwas einfach zu fordern, spielerisch und leicht. Schritt für Schritt geht’s besser bis es sich ganz selbstverständlich anfühlt und das Pferd frei und ohne grosses Anschieben zurückweicht, wenn es verlangt wird.

Das Pferd schliesst sich an, die Klarheit schafft Vertrauen und vermittelt meinem Co-Coach, dem Pferd, die nötige Sicherheit. 

So lernt man auf spielerische Weise, sich zu trauen, seine Ideen, Bedürfnisse und Inputs umzusetzen, zu verlangen und nicht nur zu akzeptieren.

Wenn Du anfängst, im Alltag mit den kleinen Dingen zu üben, wirst Du schnell merken, wie gestärkt Du aus diesen Übungen raus gehst  - wie anders das Umfeld beginnt, zu reagieren. Denn die neu entdeckte Selbstliebe spiegelt sich im Aussen und repräsentiert Stärke. Das verschafft Respekt und bald wird es immer weniger Situationen geben, wo andere deine Grenze nicht beachten. Und falls einer nicht zuhört, es nicht respektiert, dann hat er es schlicht nicht verdient, Teil des Umfeldes zu sein.

Möchtest Du auch in einer Begegnung mit dem Pferd an deiner persönlichen “Nein-sage-Fähigkeit” arbeiten? Oder welche Erfahrungen hast Du mit diesem Thema gemacht?

Wir freuen uns über Dein Feedback! Herzlichst - Michaela Oertli