Hectomare - Unsere ganz besondere Weihnachtsgeschichte

So voller Energie und Kraft - doch seine Augen waren traurig

Es war noch nass und trüb, zu Beginn des Jahres, als er von Frankreich her zu uns in den Stall kam. Er stand in der Box, sein ganzer Körper zitterte, er wieherte in einem fort und konnte sich fast nicht beruhigen. Noch wusste er nicht, wo er war, was auf ihn zukommen wird. Seine Muskeln waren angespannt, sein Fell glänzte, ein wunderschönes Pferd, so voller Kraft, voller Energie. Doch seine Augen waren traurig. Müde und matt. Vom ersten Moment an, als ich ihn sah, sah ich diese Hilflosigkeit in seinen Augen. Es war eine Mischung aus Resignation und Verzweiflung, aus Angst und Wut. Mich traf es wie aus heiterem Himmel. Er war da und ich wusste vom ersten Augenblick an, dass dies kein Pferd sein wird, dass einen Moment lang bei uns auftankt, um zu seinen Herzensmenschen zu finden. 

Zwischen Stillstand und Explosion

Die ersten Tage waren sehr schwierig. Bei unserem ersten Zusammentreffen im Roundpen war ich mir nicht sicher, ob er mich fressen, überrennen oder erschlagen will. Seine Power konnte er nicht kontrollieren und Respekt vor dem Menschen am Boden hatte er nicht. Was half war die Heuraufe, die ihm die Möglichkeit gab, 24 Stunden nach Lust und Laune zu fressen, zu entspannen. Hectomare fasste schnell Vertrauen und liess sich handeln. Es war immer eine Gratwanderung zwischen totalem Stillstand und Explosion. Nur was es für gut befand, hat er gemacht, den Rest hat er schlicht boykottiert oder mit massiver Gegenwehr verweigert.

Die Herausforderung war gross. Die Faszination, wie ich diesem wunderschönen braunen Pferd helfen kann, mit der neuen Situation umzugehen, wuchs von Tag zu Tag in mir. Was er aus seinem Rennpferdeleben kannte, verweigerte er zu tun, was neu war, fand er spannend und hat ein wenig mitgearbeitet – immer nur ganz kleine Schritte und nur ganz wenig Anstrengung.  Trab und Galopp oder einen Reiter auf dem Rücken – an solche Dinge war nicht zu denken. Freiarbeit jedoch fing er richtig an zu mögen, jedoch in Minidosen – dafür lernte er hier die Lektionen innert kürzester Zeit.  

Hector konnte Gedanken ersticken

Die Herausforderung war enorm. Alles, was ich in meinem Leben bisher mit Pferden gelernt habe, schien hier nicht aufzugehen. Alles was ich wollte, konnte ich grad wieder vergessen, weil er es verweigert hat. Druck, und ich spreche nicht von äusserlichem Druck, hat er gänzlich boykottiert. Alleine schon der Gedanke an ein Vorhaben, hat er im Keim erstickt.  Was er wollte waren andere Pferde, Weide und  Ruhe, um Stundenlang in die Ferne zu schauen. Oft fragte ich mich, ob Pferde Heimweh haben können? Erinnert er sich an die Zeit in der Herde in Irland, die für ihn so viel zu kurz gewesen war? Ein Pferd, das mit 9 Jahren noch im Rennsport ist, hat sehr viel geleistet und sich unter Beweis gestellt. Wann war der Zeitpunkt, als er begann, unglücklich zu werden, als er nicht mehr wollte und es nur noch dem Menschen zuliebe gemacht hat?

Ein gestrandeter Workaholic

Wie oft lief er über seinen eigenen Grenzen? Wir wissen es nicht und obwohl seine Besitzer alles mögliche für ihn unternommen haben, damit es ihm gut geht und er seine Leistung erbringen kann, muss es für ihn zu viel gewesen sein. Wie ein gestrandeter Workaholic kam er mir vor. Nach dem Zusammenbruch fehlt die Aufgabe, der Sinn. Hecotmare fand aber wenig Sinn darin, mit einem Menschen zusammen zu arbeiten. Je besser er sich erholte, je gesünder und stärker sein Geist und sein Körper wurden, desto heftiger sagte er Nein. Liebe, Zuwendung und Zeit sind nicht immer die Heilmittel, die ein Pferd braucht und, und das ist das schwierigste, auch nicht einen Menschen, der sich um ihn kümmert. Schon, aber nicht so, wie ich mir das vorgestellt habe.

Umgezogen in unseren neuen Stall, die vorderste Boxe direkt am Haus, versprach ich mir, dass jetzt alles gut kommt und das Pferd endlich seine Ruhe findet. Mein innerer Frieden mit den Pferden vor dem Wohnzimmer, war für Hecto pure Enge und sperrte ihn ein. Es war jenseits von grünen Weiden, Weite und Freiheit. Es muss sich für ihn angefühlt haben wie ein goldener Käfig. Und so geschah, was kommen musste.

Pure Energie entlud sich - immer und immer wieder

Am Tag, als ich in meinem Frieden mit meiner Stute und ihm an der Hand ins Gelände ritt, war das Fass so voll, dass es überlief. Nein, es explodierte. Was da geschah, hätte ich mir nie und nimmer träumen lassen: das Pferd explodierte, die Wut, die Power, alles was er in sich hatte, kam zum Vorschein. Auf mich gerichtet – blind und ohne Halt. Nie hätte ich es für möglich gehalten, von einem Pferd so attackiert zu werden. Nicht einmal, nicht zweimal, immer wieder. Völlig durchgedreht, erstaunt ob seiner eigenen Stärke, konnte er nicht aufhören, steigend, schlagend auf uns loszugehen. Wie das alles vorbei ging, ich weiss es nicht. Wie durch ein Wunder, ist mir nichts passiert, die Stute hat alle Schläge abgefangen, hat sich schützend vor mich gestellt. Ausser Prellungen blieb auch sie unverletzt. Mein Schock sass tief. Was ist passiert? Wie konnte mir so etwas geschehen, was hatte ich übersehen, tausend Fragen - keine Antworten.

Das Denken überdenken

Das Pferd stand wie abgeschlagen in der Box. Er wusste was passiert war, wusste, was er getan hatte. Seine Augen waren hilflos, haben geweint. Verlassen von Wut und Panik stand er nun da, leer und hilflos. Tage später erst konnte ich ihm wieder begegnen. Durch professionelle Betreuung konnte ich zum Glück rasch verarbeiten, was geschah und mit vielen Gesprächen mit Trainern, Besitzern und Menschen, auf die ich vertraue war es mir möglich, mich wieder auf das Pferd einzulassen. Die Umstände mussten sich für ihn ändern. Ich erinnerte mich an die Aussage einer Vertauten, die mir vor Monaten sagte, dass Hecto eine Herde braucht, sonst nichts. Damals habe ich das verdrängt Zu sicher war ich mir, dass ich ihm diese Herde mit unserer gemeisamen Arbeit ersetzen kann. In meinem Job als Pferdeunterstützer Coach verknüpfe ich die Reaktion des Pferdes immer mit der inneren Haltung des Menschen. Also musste ich auch hier über die Bücher und merkte schnell, was es mit mir selbst zu tun hat. Ich war wie besessen von der Idee, diesem Pferd zu helfen, vor meinem inneren Auge hatte ich die Bilder, wie wir gemeinsam unterwegs sind, wie er läuft. Ich ging immer davon aus, dass er Freude dabei hat, dass er genau das möchte. Meine ganzen Bestrebungen mit diesem Pferd waren diesen Bildern untergeordnet. Obwohl ich mich für einen bewussten Menschen halte, der sich Gedanken darüber macht, wie er Dinge angeht, habe ich hier einfach etwas angenommen, ohne mein Gegenüber wirklich miteinzubeziehen. Das war sehr ernüchternd.

Nicht alles kann mit Geborgenheit, Fürsorge und Liebe geheilt werden

Was diese Pferd braucht ist grüne Wiese, viel grüne Wiese, andere Pferde und Abstand zu Menschen, die etwas von ihm wollen. Weil Menschen, die Pferdesport lieben, nicht nur Menschen sind, die Pferde ausnutzen, war es keine Frage, dass dieses Pferd den bestmöglichsten Platz mit viel Gras und Pferdegesellschaft bekommen wird, den wir finden konnten.  Hectomare hat es ganz deutlich gemacht, was er will. Seine Kräfte, die er in den letzten Monaten wiedererlangt hat, nutzte er dazu, uns zu verdeutlichen, was er wirklich will. Für uns Menschen ein Schock und fast hätte er das nicht überlebt, doch für das Pferd eigentlich schön, denn es konnte sich für sich einsetzen und das bekommen, was es wirklich wollte. Er hatte es sich verdient. So geht unsere Weihnachtsgeschichte zu ende und die Tatsache, dass er sich nicht einmal umgedreht hat, als wie ihn auf die neue, grosse Weide liessen, in der ersten Nacht bereits im tiefen Strohbett gelegen ist, macht mich unendlich glücklich und zeigt mir, das wir das Richtige getan haben, auch wenn ich eine ganz andere Vorstellung davon gehabt habe, was Hectos Glück bedeutet.

Für die kommenden Weihnachtstage wünschen wir allen von Herzen viel Freude mit den Liebsten und das Bewusstsein, dass nicht immer das das Besten für den andern ist, was wir uns vorstellen. Manchmal tut es weh, wenn wir loslassen müssen. Doch das Wissen, dass es für den Andern Freiheit und Glück bedeutet, lindert den eigenen Schmerz und lässt wahre Freundschaft und Liebe erst zu.

Wir wünschen allen ein fröhliches Fest!